Pressebericht: Es ist so weit. Die Traditionsmilch läuft vom Band

Es war eine lange Durststrecke für die Milchbauern in der Marburger Molkereigenossenschaft. Doch auf das Ergebnis können sie stolz sein: Sie verkaufen jetzt ihre eigene gentechnikfreie Milch.

von Michael Agricola

Marburg. "Außen noch pfui, aber innen sind wir dafür hui", sagt Hans-Werner Wege, Geschäftsführer der Marburger Traditionsmolkerei, fast entschuldigend. Denn auch wenn sich äußerlich auf dem Gelände noch nicht so viel verändert hat - innen beherbergt das Gebäude inzwischen eine hochmoderne Molkerei, die Modellcharakter haben soll.

Prunkstück der Molkerei ist die hochmoderne Anlage, mit der die Milch entkeimt wird. Dies wird nicht wie andernorts durch Erhitzen oder Mikrofiltrierung gemacht, bei dem viele wertvolle Inhalts- und Geschmacksstoffe der Milch auf der Strecke bleiben. In der Traditionsmolkerei werden die Keime durch Zentrifugen "ausgeschleudert". Mit der sogenannten Baktofugation können die meisten Sporen und Bakterien auf diese Weise schonend von der Milch getrennt werden. Die Milch, so Wege, behalte damit ihren ursprünglichen Geschmack und zu fast 100 Prozent ihre Inhaltsstoffe, sie ist zudem auch länger haltbar - ohne Hitze.

Innerhalb eines halben Jahres haben die Mitglieder der Genossenschaft aus leeren Hallen eine Vorzeigemolkerei gemacht. Alle notwendigen Zertifizierungen für ihre Markt-Nische - hochwertige, regional und gentechnikfrei erzeugte Milchprodukten - habe man mit Bravour bestanden, lobt Dr. Jamal Algedri von der Marburger Consulting-Group, der die Milchbauern beim Aufbau ihres Unternehmens in der Geschäftsführung unterstützt hat. In vier Wochen habe das Unternehmen zuletzt fünf Audits durchlaufen, bei denen die Produktionsstätte, aber auch die Betriebe der Milchbauern auf Herz und Nieren geprüft wurden. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Molkerei hat nicht nur eine unbefristete EU-Zulassung als Molkerei erhalten - bis März hatte sie nur den Status einer Milchsammelstelle. Sie bestand auf Anhieb die Anforderungen des International Food Standard (IFS) und erfüllt die Vorgaben des Lebensmittelhygienestandards (HACCP).

Das junge Unternehmen nimmt an dem Projekt "geprüfte Qualität Hessen" teil. Die Milch trägt das Siegel "ohne Gentechnik" des Verbandes VLOG, für das ein Verbot des Einsatzes von gentechnisch veränderten Organismen in der Fütterung und bei der Produktion der Milchprodukte nachgewiesen werden musste. Diesen strengen Standard müssen alle Lieferbetriebe der Genossenschaft erfüllen.

Die Traditionsmolkerei erfüllt natürlich auch die Vorgaben des Partners Rewe, für den sie die Premium-Marke mit dem "Pro Planet"-Siegel bedient: Neben Gentechnikfreiheit und regionaler Herkunft müssen dafür "positive ökologische oder soziale Eigenschaften" nachgewiesen werden.

Holpriger Beginn

Bis dahin war es jedoch ein steiniger Weg. Die Hoffnung, dass der bisherige Pächter Schwälbchen die Nachfolger vor dem Ende des Vertrages am Jahresende in die Molkerei lassen würde - schließlich produzierte Schwälbchen seit Ende September 2011 nicht mehr in Marburg - zerschlug sich. Und als die Milchbauern der Genossenschaft die heruntergewirtschaftete Molkerei übernahmen, platzte auch der Plan, schon im Frühjahr mit eigenen Produkten auf den Markt zu kommen.

Zunächst standen für die Genossen viele Stunden Renovierungsarbeit an, und dazu kam noch ein drastischer Preisverfall.

Denn solange nicht produziert wurde, musste die Milch der Mitglieder auf dem freien Markt verkauft werden. Der Spot-Markt bot, anders als in den Monaten zuvor, aber plötzlich auch nur noch "Spottpreise", die von einer Kostendeckung weit entfernt waren. Die Konsequenz: Die Genossenschaft schoss zeitweise aus Eigenmitteln etwas dazu, um dies etwas auszugleichen. Wohl wissend, dass man damit aus der einen Tasche nahm und in die andere Tasche steckte.

Zäh war es auch, bis alle Voraussetzungen für den erfolgreichen Start erfüllt waren. Mal konnte ein insolventer Hersteller Teile für die benötigten Maschinen nicht liefern, dann dauerte es, bis die Zertifizierung durch war, schließlich musste mit der Bestellung der Milchpackungen bei Tetra-Pak noch gewartet werden, bis die Erlaubnis für die Verwendung des "Ohne-Gentechnik"-Siegels vorlag.

Umso glücklicher sind die Molkereigenossen darüber, dass seit Ende Juni die heimische Milch endlich in die eigenen Produkte fließen kann. Erst startete die Belieferung der Premium-Marke von Rewe, und jetzt kommen die grünen Tüten mit der Traditionsmilch ins Kühlregal.

"Das ist etwas, was wir vorzeigen können und worauf wir mit Recht stolz sind", sagt Wege über die Aufbauarbeiten aller Milchgenossen in den vergangenen Monaten. Deshalb glaubt er, dass die Molkerei auch das jüngste Problem lösen kann. Seit die Produktion wieder läuft, gebe es Beschwerden von Anwohnern über Lärm durch an und abfahrende Lkw am frühen Morgen. "Wir sind dabei, eine Lösung zu finden", sagt Wege. Soweit möglich werden dafür zunächst schon mal die Kühlaggregate der Lkw zeitweise abgeschaltet.

Nun sind die Kunden am Zug

Nun kommt es nur noch darauf an, dass die Menschen in der Region die Produkte der Marburger Traditionsmolkerei auch kaufen. Geht es nach dem Interesse der vergangenen Monate, sollte dies gelingen. "Wir haben fast täglich Anfragen gehabt, wann es endlich losgeht und man unsere Milch kaufen kann", berichtet Hans-Werner Wege aus den zurückliegenden Monaten.

Er verspricht ein wirklich hochwertiges Produkt aus der Region: "Unsere Milch fährt nicht durch ganz Deutschland." Überhaupt versuche man dieses Konzept in der gesamten Kette vom Milchbauern bis zum Spediteur zu verwirklichen und ausschließlich auf regionale Partner zu setzen. Selbst Strom und Gas kommen von regionalen Anbietern, so Wege. Auch für weitere Lieferanten aus der Region ist die Genossenschaft im übrigen offen, bestätigt Wege.

Chronologie

24. Dezember 2010: Die Molkereigenossenschaft kündigt den Pachtvertrag mit der Schwälbchen GmbH zum Jahresende 2011. Seit 1988 bestand die Partnerschaft.

9. Mai 2011: Schwälbchen kündigt die Schließung des Marburger Standorts mit 21 Mitarbeitern an.

30. Juni 2011: Die Molkereigenossen beschließen, den Betrieb am Standort selbst zu übernehmen.

1. Oktober 2011: Produktionsende von Schwälbchen am Standort Marburg.

30. Dezember 2011: offizielle Übergabe der Molkerei durch den Pächter.

1. Januar 2012: Die Genossenschaft beginnt mit der Sanierung und dem Neuaufbau der Molkerei.

23. Januar 2012: Die Genossenschaft reicht Klage auf Schadenersatz gegen Schwälbchen ein. Der Streit ist noch nicht beigelegt.

26. Juni 2012: Beginn der Lieferung für Rewe. Ursprünglich war der Produktionsbeginn für April geplant gewesen.

20. August: Die Marburger Traditionsmilch kommt in die Geschäfte.

Produkte

Die Marburger Traditionsmolkerei wird von 70 Bauern aus der Region beliefert und kann täglich 70000 Liter verarbeiten. Sie steuert hochwertige Milch zur regionalen Rewe-Marke "Pro planet" bei und bietet unter der eigenen Marke "Marburger Traditionsmilch" frische Milch mit einem Fettgehalt von 1,8 und 3,8 Prozent an – insgesamt werden im Jahr voraussichtlich rund 23 Millionen Liter verarbeitet. Die Traditionsmilch gibt es zunächst ebenfalls bei heimischen Rewe-Märkten zu kaufen. Verhandlungen mit weiteren Händlern laufen, so Molkerei-Geschäftsführer Hans-Werner Wege. Außerdem sei geplant, die Vila-Vita-Gruppe sowie Kindergärten und Schulen im Landkreis zu beliefern, die von Integral versorgt werden. Möglichst bald soll es weitere Produkte aus der Molkerei in der Nähe des Marburger Südbahnhofs geben: erst Quark und Frischkäse, später auch Joghurt.

Quelle: Oberhessische Presse Marburg, 09.08.2012