Pressemeldung: Mit ganz viel Herzklopfen ans Werk

Milchbauern der "Marburger Traditionsmolkerei" bringen ihre künftige Produktionsstätte auf Vordermann.

Es geht um zwei Millionen Euro und um die berufliche Existenz von 72 Milchbauern aus dem Kreis. Sie bringen gerade die Marburger Molkerei wieder ans Laufen, in der es nach dem Abzug von Schwälbchen wüst aussieht.

von Carina Becker

Marburg. Bis Mitte April soll es in dem großen Gebäude in der Frauenbergstraße 12 in Marburg wieder nach Molkerei aussehen. Derzeit gibt's dort eine große Baustelle - und jede Menge fleißige "Bauarbeiter". Die meisten davon sind Milchbauern. Mitglieder der Marburger Molkereigenossenschaft, allen voran der Vorstand um den Vorsitzenden Ludwig Rein aus Heskem-Mölln, errichten die künftige Produktionsanlage für ihre eigenen Milchprodukte von Grund auf neu. Unterstützung bekommen sie dabei von einer Fachfirma.

"Ja, da ist schon viel Herzklopfen dabei", bekennt Rein, "schließlich geht es um eine Menge Geld und um unsere Zukunft". Eine Herausforderung, der sich innerhalb der Genossenschaft bereits 72 Milchbauern mutig stellen - und zwar trotz erschwerter Startbedingungen. "Wir müssen hier ja mit ganz viel Muskelhypothek rangehen, Sie sehen ja, wie wir die Molkerei von Schwälbchen übernommen haben", sagt Geschäftsführer Hans-Werner Wege (Hachborn). Alltäglich sind bis zu 15 Landwirte aus dem Kreis auf der Baustelle beschäftig. "Dass auf den Höfen derzeit nicht so viel zu tun ist, kommt uns dabei natürlich zugute", sagt Rein und berichtet, dass in den Milchviehbetrieben gegenwärtig die Zertifizierung für die künftige gentechnikfreie Produktion läuft.

In der Molkerei in der Frauenbergstraße soll künftig alles den heutigen, modernen Produktionsstandards entsprechen. Vieles müsse aufgeholt werden - oder besser gesagt, vieles muss komplett neu aufgebaut werden.

Zwei Millionen Euro für den Molkerei-Neustart

Die Landwirte beklagen, dass im 1. Januar, als sie ihre Molkerei vom langjährigen Pächter Schwälbchen wieder übernahmen, etliche Teile verschwunden waren, dass andere nicht mehr funktionierten. So bekommt die Molkerei nun beispielsweise neue Anlagen zur Kühlung sowie für Entrahmung und Entkeimung. "Das Herz der Molkerei wird quasi erneuert", erklärt Rein.

Finanziert wird das ganze aus Eigenmitteln der Molkereigenossenschaft und über Kredite. Zwei Millionen Euro fließen in den Aufbau der Molkerei, die ab Mai mit einer Liefermenge von 17 Millionen Litern Milch pro Jahr unter Vertrag steht. Und dann soll auch noch eine eigene Produktlinie kommen: Frischmilch, Sahne, Joghurt, Saure Sahne und vielleicht auch noch ein Quark aus dem Hause "Marburger Traditionsmolkerei".

Gegenwärtig setzen die beteiligten Bauern ihre Milch auf dem Spot-Markt ab. "Wir haben einen Vertrag mit einem Milchhändler abgeschlossen", berichtet Rein und Hans-Werner Wege ergänzt: "Für 25 bis 27 Cent geht unser Produkt derzeit weg - das tut wirklich weh." Aber das soll künftig besser werden. Als Erzeuger, die ihr Produkt ab Mai auch selbst, vermarkten, können die Landwirte dann auch direkten Einfluss auf die Preisgestaltung nehmen. Andere Milcherzeuger im Landkreis, die nicht zur Genossenschaft gehören und an den Verträgen mit Molkereien wie Hochwald festhalten, sind weiterhin unmittelbar abhängig von den Preisen, die ihnen geboten werden. "Wir hoffen, dass wir noch weitere Kollegen gewinnen können", sagt Ludwig Rein und fügt an: "Wir werden aber nur so viel Milch annehmen, wie wir auch garantiert absetzen können."

Gegenwärtig gibt es nach An¬gaben der Molkereigenossen noch gut 200 Milcherzeuger im Landkreis. An die Marburger Molkerei wird künftig aus allen Kreisteilen geliefert - nur das Hinterland ist bislang völlig außen vor. "Viele dort sind überzeugte Hochwald-Anhänger", sagt Rein dazu. Der Nordkreis und die Marburger Region sind bereits gut vertreten in der Genossenschaft, auch der Südkreis, der allerdings nicht mehr allzu viele Milcherzeuger hat. Und auch aus den benachbarten Landkreisen haben die Marburger Molkereigenossen bereits Lieferanten gewonnen.

Ab Mitte März geht's wieder aufs Feld

Neben der Mitgliederwerbung und der Arbeit auf der Baustelle Molkerei wollen die Bauern in den kommenden Wochen noch eine weitere Herausforderung meistern: "Wir verlangen von Schwälbchen einen Ausgleich für die abgebauten Anlagen", sagt Rein.

Die Genossenschaft will mit anwaltlicher Unterstützung eine Entschädigungszahlung erstreiten. "Bislang verzögert Schwälbchen die Auseinandersetzung mit uns und lässt einen Termin nach dem anderen platzen", verrät der Vorsitzende, der dennoch auf eine Einigung hofft. Aufs Feld müssen die Bauern spätestens wieder Mitte März. "Deshalb muss die meiste Arbeit hier in den kommenden Wochen erledigt sein", sagt Rein und schaut sich in der Molkerei um, in der die Landwirte nicht länger nur die Zulieferer sind, sondern selbstbewusste Geschäftsleute, die ihr Produkt auch in Eigenregie zu vermarkten wissen.

Quelle: Oberhessische Presse Marburg, 25.01.2012