Pressebericht: Berücksichtigung von Handlungsfehlern im HACCP-Konzept.

Damit die Milch auch weiterhin gesund bleibt: Um in der Lieferkette und den Produktionsprozessen die Risikoquelle Mensch zu minimieren, ergänzte die Marburger Traditionsmolkerei das bestehende HACCP-System durch die Methode der Human-FMEA.

von Dr.-Ing. Jamal Algedri

Marburg. Menschen begehen Handlungsfehler - und erhöhen damit die Zufälligkeit der Prozessqualität. Besonders kritisch ist der Faktor Mensch in den Prozessen und der Lieferkette der Lebensmittelindustrie. Indem ein Lebensmittelhersteller in sein HACCP-System (Hazard Analysis and Critical Control Points) die Methode der Humanfehler-Möglichkeits- und -einflussanalyse (Human-FMEA) integrierte, minimierte er die Risiken der Produktionsprozesse und steigerte gleichzeitig ihre Effektivität und Effizienz.

Risiken von Lebensmittelprodukten für den Verbraucher vorzubeugen und im Produktionsprozess beherrschbar zu machen, dazu soll das Konzept der HACCP dienen. Doch es gibt Zweifel an der Wirksamkeit und Nachhaltigkeit des HACCP-Systems. In der Qualität der Herstellungsprozesse gibt es eine gewisse Zufälligkeit, die sich in Abweichungen ausdrückt und so zu Reklamationen oder gar Rückrufaktionen gelieferter Produkte führt.

Aktuelle Pressemeldungen über Qualitätsmängel von Lebensmittelprodukten zeigen, dass die Einführung eines HACCP-Systems keine Gewähr dafür bietet, dass Risikoquellen erkannt oder Gefährdungen adäquat eingeschätzt werden. Für eine bedeutende Quelle von Risiken steht nach wie vor der Mensch im Prozess. Dieser Faktor wird in der Praxis der HACCP nicht angemessen berücksichtigt. Angesichts der anhaltenden Zunahme der Komplexität in der Lieferkette und den Produktionsprozessen in der Lebensmittelindustrie dürften die Zufälligkeit der Prozessqualität und das Risikopotenzial für den Verbraucher weiter zunehmen.

Risikoquelle: Mensch im Prozess

Die durch Menschen bedingten Zufälligkeiten in ihren Prozessen minimieren und so die Wirksamkeit ihres HACCP-Systems nachhaltig steigern: Das waren die Ziele der auf gentechnikfreie Milchprodukte spezialisierten Marburger Traditionsmolkerei e. G. Im vergangenen Jahr nahm sich das Unternehmen daher vor, sein HACCP-System durch die Methode der Human-FMEA zu ergänzen. Dazu galt es, Fehlermodelle und Analyseinstrumente der Human-FMEA in den Phasenverlauf des HACCP-Systems zu integrieren.

Zunächst wurden die Modelle und Arbeitswerkzeuge, die die Methode der Human-FMEA für den Umgang mit Handlungsfehlern bereithält, den Phasen des HACCP-Systems zugeordnet:

  1. Teambildung
  2. Produktbeschreibung
  3. Prozessdarstellung
  4. Gefährdungsanalyse und Identifizierung von Critical Control Points (CCPs)
  5. Monitoring
  6. Korrekturmaßnahmen
  7. Dokumentation
  8. Verifizierung

Es ergaben sich Handlungsmöglichkeiten an den fünf Ansatzpunkten Teambildung, Prozessdarstellung, Gefährdungsanalyse und Identifikation von CCPs sowie Korrekturmaßnahmen.

Human-FMEA minimiert Risiko

Zunächst ermöglichte die Integration von Elementen der Human-FMEA in die Phasen des HACCP-Systems der Marburger Molkerei eine angemessene Berücksichtigung des Faktors Mensch bei der Risikoanalyse und Optimierung der Prozesse sowie der Mitarbeiterqualifizierung. Drei ausgewählte Effekte konnten in der Praxis eindeutig auf diese Konzeption zurückgeführt werden: Verbesserte Kompetenzen, ein zuverlässiges Qualitätssicherheitssystem und eine verbesserte Prozesseffizienz.

 

  • Verbesserte Kompetenzen: Die methodischen und prozessualen Kompetenzen des HACCP-Teams haben sich signifikant verbessert. Dies drückte sich in der Vielzahl von methodisch erarbeiteten und umgesetzten Verbesserungen entlang des Prozesses der HACCP-Einführung aus. Ebenfalls spürbar verbessert wurde die Arbeitsgestaltungskompetenz. So konnte das Team die Aufgabengestaltung und -anpassungen methodisch und in angemessener Zeit leisten. Die gestalteten Aufgaben dienen heute als Basis für die Formulierung von Anforderungsprofilen, die Leistungsbeurteilung, Entlohnung und Mitarbeiterqualifizierung. Auf dieser Grundlage wurden aufgabengerechte Trainingshandbücher erarbeitet
  • Zuverlässiges Qualitätssicherheitssystem: Mithilfe des Systems konnte die Marburger Molkerei in weniger als drei Monaten die folgenden Zulassungen und Zertifizierungen mit hoher Punktzahl erzielen: Europa-Zulassung, IFS-Zertifizierung Version 6.0, Rewe-Zertifizierung und das Gütesiegel "Geprüfte Qualität Hessen".
  • Verbesserte Prozesseffizienz: Das Konzept wird bereits seit einigen Jahren in der Lebensmittelindustrie implementiert. Die Verbesserung der Effizienz zeigt sich zum Beispiel bei der Kooperation mit einem Lebensmittelhersteller in Süddeutschland in der Joghurtproduktion. Dort ließen sich nicht nur die CCPs nachhaltig beherrschen, sondern auch die Leistungsindikatoren beträchtlich verbessern: So konnten die Reklamationsrate innerhalb von fünf Monaten um 20 Prozent gesenkt und die Verluste um 35 Prozent reduziert werden.

 

Die Erweiterung des HACCP-Systems mittels Human-FMEA trägt heute nicht nur zur Effektivitätssteigerung des Qualitätsmanagementsystems bei, sondern verbessert die Effizienz des gesamten Arbeitssystems signifikant und nachhaltig. Es handelt sich also um "effektive Effizienz". Die Grundlage dafür ist die methodische Verwertung von betrieblichen Wissensbeständen zur Vermeidung von Produktrisiken und für die Nutzung und Entwicklung der Mitarbeiterkompetenzen.

Quelle: Wirtschaft Nordhessen 7.2013