Pressebericht: Molkerei in Bauernhand

Genossenschaft aus Milchbauern stemmt sich gegen Konkurrenz der Milch-Giganten.

Das 80-jährige Jubiläum der "Marburger Traditionsmolkerei" haben die Bauern nicht gefeiert. Geschäftsführer Hans-Werner Wege hat keine Zeit, darüber zu sinnieren, wie sein Großvater einst die Milch nach Marburg karrte. Die kleine Molkerei will sich neben den Giganten der Milchwirtschaft behaupten. Als Genossenschaft haben es 68 Bauern aus dem Marburger Land gewagt, den Betrieb in die eigene Hand zu nehmen. Seit Sommer produzieren sie die gentechnikfreie Marburger Traditionsmilch. "Das ist kein Zuckerschlecken", sagt der Sprecher des Bundesverbandes der deutschen Milchviehhalter, Hans Foldenauer: "Aber es ein gelungenes Beispiel dafür, wie man sich gegen die Entwicklung stemmen kann."

von Gesa Coordes

Marburg. Ein Zuckerschlecken ist es tatsächlich nicht: Ende letzten Jahres kündigte die hessische Privatmolkerei Schwälbchen den seit 19 Jahren laufenden Pachtvertrag mit den Marburgern, weil sich der Standort nicht mehr lohnte. Die Produktion war seit Mitte der 80er Jahre auf weniger als die Hälfte geschrumpft.

Nach eigenem Bekunden "ziemlich blauäugig" entschied sich die Marburger Molkereigenossenschaft daraufhin, dass sie "nicht mehr von irgendwelchen Managern abhängig sein wollte", so Wege. 68 Lieferanten mit einer Jahresproduktion von 22 Millionen Litern machten mit. Aus dem reinen H-Milch-Betrieb wollten sie eine Molkerei für gentechnikfreie Frischmilch, Sahne, Käse und Yoghurt machen.

Doch Schwälbchen - ein mittelständischer Betrieb - hinterließ den Bauern weitgehend leere Hallen, undichte Dächer und unbrauchbare Maschinen. Dabei hätten sie laut Vertrag eine funktionsfähige Molkerei übergeben müssen, sagt Geschäftsführer Wege: "Sie wollten verhindern, dass wir starten."

Die Genossenschaft hat Schwälbchen auf Schadensersatz in Höhe von mehr als einer Million Euro verklagt. Obwohl das Verfahren laut Wege seit dem 15. Februar diesen Jahres beim Landgericht Marburg anhängig ist, sagt Berz-List, dass ihm keine Klage bekannt sei. Auf jeden Fall kann es drei Jahre dauern, bis das Verfahren abgeschlossen ist, berichtet Wege.

Deshalb reparierten die Marburger Landwirte Dächer, erneuerten Böden und legten Stromleitungen. Nur in den Büros ließen sie bröckelnden Charme der 60er Jahre stehen. Viel modernisierten sie in Eigenleistung. Sie mussten aber auch in neue Maschinen investieren - schließlich hatte Schwälbchen noch nicht einmal eine brauchbare Eiswasseranlage hinterlassen, so dass sie die Milch zunächst nicht kühlen konnten. Das bedeutete, dass sie ihre Milch bis zum Sommer auf dem freien Markt verkaufen mussten, wo sie einen extrem schlechten Milchpreis erhielten.

Kunden sind unter andrem Schulen und Kindergärten

Im Sommer hatten sie dann alle Genehmigungen beisammen und eine hochmoderne Anlage, in der die Milch besonders schonend entkeimt wird. Seitdem läuft die "Marburger Traditionsmilch" vom Band, wie der neue Name der Milch lautet. Hauptkunde ist vorerst die Lebensmittelkette Rewe. Beliefert werden ausschließlich Läden in Hessen, so dass die Milch nah am Produktionsort bleibt. Zudem verkauft die Molkerei an Kindergärten und Schulen des Landkreises. Nach wie vor müssen die Bauern jedoch hart um ihren Betrieb kämpfen. Verhalten optimistisch stimmt sie die Anhebung des Milchpreises. Aktuell suchen sie noch weitere Abnehmer. Ihr Vorbild ist die Upländer Bauernmolkerei aus Willingen-Usseln, die bereits 1996 von Landwirten aus der Region übernommen wurde. Heute zählt sie zu den größten Biomolkereien Deutschlands.

Die Umstellung auf biologische Erzeugung trauten sich die Marburger Landwirte nicht zu, erfüllten sich jedoch einen lang gehegten Wunsch. Milch und Sahne wird inzwischen gentechnikfrei produziert, was unter dem alten Pächter nicht möglich war. Dafür gab es dickes Lob von Greenpeace. Auch Hans Foldenauer vom Bundesverband der Milchviehhalter ist beeindruckt: "Das ist ein gutes Zeichen, dass Bauern bereit sind, das wirtschaftliche Risiko zu tragen, um regionale Produkte zu bieten. Man muss nur aufpassen, dass die Giganten sie nicht an die Wand drücken."

Quelle: Frankfurter Rundschau, 22.11.2012